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Gespräche 2.0

Es ist bekannt das Handys laut gestellt werden. Der Sound bei eingehenden Anruf kann von orchestraler Flatulenz über den nostalgischen schrillen Klingelton der alten Wählscheibenapparate der 60ziger bis hin zu Helenes „Atemlos durch die Nacht“ oder gegrunztem Gangsta Rap eingestellt werden. Egal welche geschmackliche Verirrung laut ertönt, in 99,9 Prozent wird das Gespräch entgegengenommen und das ist gut.  

Auch wenn es mich weiterhin irritierte in welcher Lautstärke vernetzte Zeitgenossen lauthals stenographisch Satz- und Wortfragmente in die Phones am Ohr und in die Gehörmuscheln der Umstehenden fallen ließen. Doch es gibt einen neuen Trend. Dieser Trend geht nicht nur weiter, sondern geht an Grenzen. Man lässt uns nämlich teilhaben an Videochats mit beidseitiger unüberhörbarer Kommunikation und unübersehbarer visueller Darstellung.  

Der posende „Homo Digitalis“, gleich welchen Geschlechts, trägt sein smartes Phone somit nicht mehr am Ohr und verzichtet zumeist auf die schnurlose In Ear Verbindung, sondern modisch neu, das Phone wird trendgemäß nahe Unterlippe etwas angewinkelt vor der unteren Gesichtshälfte getragen.
So zelebrieren neuerdings in Dolby Surround, Booster verstärkt und HD pixelfrei der Anrufer und der Angerufene für alle sichtbar die neue Ära der Gespräche 2.0. Beim Einkauf, in Bahnhöfen und Zügen, in Grünanlagen, Wartezimmern, Biergärten und in Schwimmbädern, auf öffentlichen Toiletten, die totale Aufgabe der Privatsphäre kennt keine Grenzen mehr.

Jede Doku-Soap ist nichts gegen die neuzeitliche Life Übertragungen in „Krass-Bro-Digger-Deutsch“ zwischen sonnenbebrillten, Nike gestylten Garderobenständern mit basegehandicapten Fontanellen und zerebral ebenbürtigen Chatpartnern in einer vollbesetzten S-Bahn zwischen Frankfurt und Mainz.

Es gab eine Zeit da war es peinlich, wenn Privatgespräche mitgehört werden konnten, wir gingen zum Schutz der Privatsphäre und für Datenschutz sogar auf die Straße. Man bemühte sich auch im Privaten um Diskretion, sowohl der am Handy wie auch der Unbeteiligte einen Sitzplatz weiter. Heute jedoch hast Du oftmals als Mitinsasse keine Chance mehr wegzuhören. Ob Details aus dem Billy Boy Bereich, der Urlaubsplanung oder den krassen Sonderangeboten bei Lidl bis hin zur Kollegenhetze, Ehestreit und den Ekzeme im Schritt, es gibt kein Tabus mehr. Trotz der In Ear Kopfhörer, manche sogar mit Mikrofonbügel aus stylischen Gründen, es wird auf laut gestellt und gechattet das der Bildschirm und Raum sich biegt. Vielleicht hat ein namhafter Hersteller deshalb jetzt das klappbare Smartphone auf den Markt gebracht. Bald schon wird eine Zahnspange mit integrierter Handyhalterung folgen, bestimmt neben wasserdicht auch bissfest.  

Bin ich nun ein frustrierter Alter der griesgrämig mit den Worten: „Früher war alles besser“, in unserer Geiz ist Geil Gesellschaft im öffentlichen Raum wahrgenommen wird? Bin ich jetzt einer der trauernden Ollen, die stetig kopfschüttelnd ob der modernen Zeiten umherlaufen und das ohne Symptome auf Parkinson? Wenn Rückblick bedeutet, dass andere nicht durch mein Tun und Handeln eingeschränkt oder gestört werden, ja dann trage ich etwas Unverstand ob des rücksichtslosen und überbordenden Verhalten einer wachsenden Zahl meist jüngerer Zeitgenossen, die meine Privatsphäre lauthals und zu oft auch inhaltlos missachten.

Allerdings juck es schon, mich bei meinem nächsten Arztbesuch per Videochat mit Erwin vehement im vollbesetzten Wartezimmer in wortgewaltiger Beschreibung und bester Bildqualität über seine chronische Diarrhoe auszutauschen und in detailgetreuer Darstellung meine negativen Erfahrungen der letzten Blutabnahme preiszugeben.