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Selbstgespräch 2021 / 04 (Große Pause)

Am 02. November 2020 begann nach einer lockeren Zeit ein erneuter Lockdown, eine fettreduzierten Version, die allerdings ab dem 16. Dezember mit massiven Kaloriengehalt in den weihnachtlichen zweiten harten Lockdown mündete. Es wurde von Staatsseite mit Macht auf die Pausentaste gedrückt wodurch sich der Rhythmus des Lebens erneut drastisch verlangsamte.

 

Trotz zwischenzeitlicher Geschäftsöffnungen und wieder in Form gebrachten Frisuren, gefolgt von erneuten Schließungen der Geschäfte und manch abstrusen Entscheidungen und Diskussionen, ist der zweite Stillstand allgegenwärtig und nach fast 5 Monaten in der Warteschlange in jeder Mimik trotz FFP 2 Masken sichtbar.  

Einige versuchen das stark eingeschränkte und heruntergefahrene öffentliche und private Leben als Entschleunigung zu begreifen. Wollen sich selbst positiv stimmen in dem sie glauben machen wollen, dass es sich um eine positive Verlangsamung handelt, was ich als reichlich naiv, wenn nicht sogar als dümmlichen Zweckoptimismus einstufe. Es gibt im jetzigen Warten keine Chance auf Entspannung, sondern nur Anspannung auf maximalen Niveau. In der jetzigen Situation überdehnen immer mehr Menschen ihre Seele, legen durch aufkeimende Unsicherheit und andauernde Verlängerung des Stillstandes ihre Nerven blank und den Rest einer vertrauensvollen Zuversicht wund.

Es mag sein, dass der ein oder andere diese Zeit hin und wieder sinnvoll nutzt. Es kann sein das durch Homeoffice mehr Zeit den Kindern gewidmet oder die Wohnstatt neugestaltet wird. Es kann sein das man sich seinem Garten, Bücherregal oder Bastelhobby mehr widmet und sich mit dem Gedanken tröstet, dass auch die Umwelt von den Einschränkungen profitiert. Mehr und mehr Menschen jedoch erfahren bitteren Verlust. Wie der Hobbytänzer, der kleine Fußballstar der B-Jungend, der Kino- und Theaterbesucher. Nichts kann und darf, Training und Abos in der Warteschleife. Diese negative und frustrierende Erfahrung wird drastisch verstärkt, wenn eine existenzielle Angst hinzukommt. Was für den Ticketbesitzer jetzt als Verzicht erfahren wird, steigert sich bei Schauspielern, Musikern, Gastronomen und Hoteliers, Angestellten im Kulturbetrieb und anderen blockierten Branchen, bei Einzelhändlern und vielen Selbstständigen, Freiberuflern und Angestellten in diesen Branchen zur nackten Existenzangst. Dieser Stillstand erzeugt, einem Tinnitus nicht unähnlich, einen konstanten Ton, der sich bei den Betroffenen unter jegliches Tun und Denken legt und stetig mitschwingt.

Der Grundton der Verzweiflung und Resignation bleibt selbst dann aktiv, wenn der Betroffene sich bewusst macht, dass es den Schwererkrankten und den Zwangsbeatmeten wesentlich schlimmer getroffen hat als ihn selbst. Diese Einsicht „Hauptsache gesund“ ist nur von kurzer Dauer und ändert in keiner Weise die Situation des Erkrankten noch seine eigene. Es bleibt das Gefühl beim Wartenden, jemand habe eimerweise Sand aus dem Stundenglas des Lebens entwendet. Über den Rand seines Uhrenglases schauend, bestaunt er wie in anderen Teilen der Welt der Alltag wieder Einzug hält. In England, Israel, Portugal. Auch im fernen China und Neuseeland öffnen Geschäfte, Museen und Gastrobetriebe. Man kann in Kinos, Theatern und Konzerthäusern wieder Kultur erleben, sich mit Freunden treffen und das allgemeine spontane gesellschaftliche Alltagsleben wieder aufnehmen. Gemeint ist mit Alltag jener Tag, der im positiven Sinne diese Bezeichnung als Sinnbild für das wohltuende Gefühl der stetigen Wiederkehr mit all seinen großen und kleinen Abwechselungen wirklich verdient und Existenzen sichert.

Noch nicht so lange her, da hat der jetzt Eingeschränkte den Alltag verflucht und sich oft abgemüht, um aus ihm zu entfliehen. Damals war er über das Nichthaben von Zeit enttäuscht und lebte im - Zeit ist Geld Rhythmus -. Heute leidet er unter dem täglichen Nichterleben, lebt in einem 24 Stunden Wartekreis und siecht wie in einem Verließ abgenabelt psychisch und physisch dahin. Sieht sich und sein Geschäft am Abgrund.

Fett und breit sitzt die Langeweile auf seiner Couch, während er durch alle Kanäle zappt. Seine Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer, das Zappen immer schneller und somit die Zusammenhanglosigkeit immer größer. Da von der Zeit im Moment nur die Leere bleibt, schafft es am Ende eines solchen Fernsehabends auch kein Film mehr in die Erinnerung. Dieser Wartezeit kann auch durch tägliches Joggen, lange Sparziergänge oder besonders anspruchsvolle Literatur keine nahhaltige Ablenkung mehr abgerungen werden. Man kehrt immer wieder zu sich selbst zurück und ergibt sich der allgegenwärtigen ziellosen Anspannung. Fast wehmütig erkennt man, dass Warten früher stark mit Liebeskummer und Sehnsucht, Hoffnung und Wehmut, Vorfreude und Zuversicht verknüpft war. Das Warten war ein wichtiger und konstruktiver Bestandteil des Lebens. Selbst beim Arzt, auf dem Amt oder am Flughafen, das Warten war die notwendige Brücke zur Hepatitis Impfung, zum Reisepass und hin zum Urlaub auf Kuba.  

Doch dieses Warten jetzt ist weder mit einem zielformulierten Ende versehen, noch kann es als Atempause eingestuft werden. Viele empfinden diese verordnete und undifferenzierte Warteschleife als willkürlich und aufgrund der eingeführten und erprobten Hygienemaßnahmen als unverhältnismäßiges Berufsverbot und Arrest. Es fällt dem Einzelnen immer schwerer das Warten als sozialgesellschaftliche Rücksichtnahme zu verstehen, zumal wenn die eigene Existenz zusammenbricht. Samuel Becketts „Warten auf Godot“ erscheint mir nicht mehr als absurdes Theater, sondern im hier und jetzt die passende Parabel die das Warten ohne Zielvorgabe als Inhalt hat.

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.

Der Tom
22.04.2021