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Die Zeit (Augenblick)









Die Zeit
(Ein Augenblick)

Es gibt Tage, von denen ich mich nicht trennen werde. Diese Tage schmecken mir wie ein leicht moussierender Vinho Verde. An noch sommerwarmer Hauswand der Marceria Dom Sancho in Ponta do Sol auf Madeira lehnend, erwarte ich die Dämmerung, während mein Blick die Gasse hin zum Meer schlendert. Dort an der Brücke umarmen Pärchen den Sonnenuntergang. Mir gegenüber lässt sich die Zeit, eingeladen vom schweifenden Duft der feuerroten Blüten des großen Flammenbaum auf dem Kirchenvorplatz nieder, um mit ihm Geschichten zu teilen.  

Früher bedauerte ich den Verlust der Zeit, besonders wenn es gefühlt auf einen Schlag drei und mehr Tage erwischt hatte. Ich trauerte der Zeit nach, die unwiderruflich an die Vergangenheit verloren gegangen schien. Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass Zeit weder am Verweilen noch an Ewigkeit interessiert ist. Zeit stoppt nicht, Zeit wirft einen kurzen Blick herüber und lässt dich im Vorbeigehen teilhaben, um im nächsten Moment auf nimmer Wiedersehen sich aufzulösen. Zeit ist weder verschwenderisch und sie ist emotionslos in all ihrer kurzen Bunt- und Vielschichtigkeit.    

Zeit lässt sich nicht von Geld beeindrucken oder durch plastische Chirurgie täuschen. Zeit wird allzu oft als Wette missverstanden, bei dem jener gewinnt, der am meisten angehäuft hat. Zeit lässt sich nicht besitzen, nicht hochstapeln wie ein Dönerspieß, von dem man sich feine Streifen abschneiden kann. Der Takt der Zeit ist für alle gleich, nur die Zwischenzeit kann gestaltet werden. Die höchste Realität der Zeit ist die neutrale Vergänglichkeit.

Und während ich über den Ränder meiner Brille und dem Weinglas in den Abend schaue, verstehe ich, dass Zeit mir augenblicklich Geschenke macht. Zwischen jedem Tick und Tack, zwischen jedem Kommen und Gehen, zwischen jedem Punkt und Komma liegen Geschichten. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer seltener eine Uhr an mir trage. Mit einem Zeitmesser kann ich keine Scheibe vom noch warmen Süßkartoffelbrot Bolo de Caco herunterschneiden.   

Ich atme tief entspannt jeden Augenblick, um zeitlos von der Zeit zu sein. Versuche nicht die Zeit zu biegen, bewahre sie mir mit allen Sinnen und lass sie ziehen. Verzichte auf das Zählen von Sekunden über Minuten zu Stunden hin zu Tagen und noch weit mehr.
Ich bin Sammler aller Mosaiksteinchen die am Gestade des Augenblicks stranden und noch weit Meer. Zeit lässt sich weder tot noch ein Schnippchen schlagen. Zeit begleitet und schenkt uns die Glückseligkeit und Unvergänglichkeit des Augenblicks.  

Der Tom
09.07.2019

Kommentare: 1
  • #1

    Erwin (Mittwoch, 10 März 2021 18:25)

    sehr gut geschrieben, fängt die Stimmung und Gedanken ein, die auch ich so manche Zeit erlebte.