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Selbstgespräch Nr: 14 (Demo auf Corona komm raus)

Es waren wohl insgesamt 20.000 Menschen letzten Sonntag „Unter den Linden“ und Reichskriegsfahnen die in Berlin die Freiheit einforderten und zum Mund- und Nasenschutz befreiten Widerstand aufriefen.
Unter dem Motto „Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit“ zogen vermeintlich aufgeklärte Verängstigte, mehrwissende Verhetzte und kostümierte Verwirrte als selbsternannter repräsentativer Bevölkerungsanteil Deutschlands gegen die Corona-Diktatur und die Willkür des Staates zu Felde. Ortsnamenschilder aus verschiedenen Regionen unseres Landes sollten wohl die Legitimität dieses Anspruches der trillerpfeifenden und buntverkleideten Freiheitskämpfer untermauern. Ähnlichkeiten zu den montäglichen Pegida Aufmärschen drängten sich auf. Nicht nur weil Journalisten von den Freiheitskämpfern bedrängt und mit den gleichen Schimpfworten empfangen und vertrieben wurden.
    
Wenn auch der Satzteil des Mottos „Tag der Freiheit“ identisch mit dem Titel eines Propagandafilms über den Parteitag 1935 der NSDAP mit der braunen Riefenstahl war, bin ich überzeugt, dass die meisten Verfechter der alternativen Realität keine Neonazis oder Linksautonome waren. Maximal kann man das Groh der Demonstranten als Mitläufer wirrer Verschwörungstheorien einstufen. Allerdings muss das mitlaufende Fußvolk sich nun gefallen lassen, dass manche Kritiker sie als "Covidioten“ bezeichnet. Das ist allerdings nicht, wie einige der Freiheitskämpfer behaupten, eine provozierende verbale Verunglimpfung. Denn COVID steht für
„coronavirus disease“ und das Wort „Idiot“ hat seinen Ursprung im altgriechischen „Idiotes“ und bedeutet „Privatperson“.
Im Lateinischen verschob sich der Begriff „Idiota“ später hin zur Bedeutung „Laie“ und „unwissender Mensch“. Beide Auslegungen bilden somit in erstaunlicher Deutlichkeit ab, was Kritiker mit „Covidioten“ ausdrücken wollen. Unter den vielen Mitverschwörten waren weder Virologen noch Rechtsstaatsexperten auf der Straße, sondern „Covidlaien“ mit selbstgebastelten bunten Plakaten und abstrusen Theorien.

Wenn es nicht so erschreckend wäre, könnte man das eigentlich dabei belassen und einen Haken dran machen. Aber jedem noch so naiven Verschwörungstheorieanhänger sollte bekannt sein, dass man eine weltweite Viruspandemie nicht wegdemonstrieren kann oder durch Trillerpfeifen verscheucht. Das Eindämmen der Übertragungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel durch Mindestabstand und Mundschutz, kann vor Covid19 schützen. Auch geht es nicht um denjenigen der den Mundschutz trägt, sondern um den Schutz des anderen. Nur weil niemand in seinem Umfeld einen Coviderkrankten kennt, ist die Pandemie doch nicht vorbei. Die Frage stellt sich, wie viele der Freiheitskämpfer haben eigentlich Ende März auf Balkonen für Krankenhausangestellte und andere systemrelevante Berufsgruppen geklatscht und verhöhnen sie nun mit ihren abstrusen Thesen?

Wie und wo die Grenze zwischen den individuellen Freiheitsrechten und den Maßnahmen auf Basis des Bundesseuchengesetztes zu ziehen ist, kann und muss diskutiert werden. Indiskutabel allerdings es als sein Freiheitsrecht anzusehen, andere an Leib und Leben zu gefährden. Das ist gelinde gesagt ein zutiefst egoistischer Akt, der außerhalb jeglicher sozialen Grundregeln steht.

Kritisches Nachfragen gehört zum Wesen einer Demokratie, wie das Demonstrationsrecht und die Meinungsfreiheit. Dabei sollte man aber vorher belegbare Fakten sammeln und einer sozialen Vernunft folgen. Es ist für mich verwirrend, dass selbst jene die die wirren Aussagen und haltlose Behauptungen eines Trump als Unfug und Blödsinn abtun, einem Attila Hildmann auf den Leim gehen. Zur Beruhigung sei gesagt, dass zwischen veganer Ernährung und kruden Verschwörungs-theorien keinerlei Zusammenhang besteht.

Ich bin immer wieder überzeugt, dass uns eine begründete Skepsis gegenüber von der Politik nicht verloren gehen darf. Denn eine gesunde Demokratie wird von einer kritischen Nachfragementalität ihrer Bürger getragen. Vielleicht war den meisten Mitläufern nicht bekannt, dass ihr zur Schau gestellter Infantilismus nicht vor dem Vorwurf schützt, extremen Gruppierungen auf dieser Demo eine Plattform gegeben zu haben. Man hat Gruppen öffentliche Aufmerksamkeit verschafft, die unsere freiheitlichen Grundrechte und eine Destabilisierung der Grundordnung herbeiführen wollen. 

Demo auf Corona komm raus, Wutbürger die Schulter an Schulter mit Rechts- und Linksextremen, mit Verschwörungsaposteln Freiheit einfordern, nein danke. Das individuelle Freiheitsrecht hört da auf, wo die kollektive Freiheit eingeschränkt und gefährdet wird.

06.08.2020
Der Tom