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Selbstgespräch 2020 / 4

Corona, das Wort des Jahres 2020, ist in aller Munde. Zunächst möchte ich mit einem Irrglauben aufräumen. Corona ist weder als Gerstensaft gebraut in Mexiko noch als Wort im Mund geformt, infektiös. Das wird jetzt den ein oder anderen überraschen und die Weintrinker kalt lassen. Die vermehrte Sichtung von Wattestäbchen in Rachenräumen ist auch nicht auf eine gezielte systematische Speicherung der DNA-Informationen des Einzelnen durch den BND zurückzuführen. Auch handelt es sich nicht um orale Ersatzbefriedigung oder eine Verhaltensstörung, noch sind es Doktorspiele einschlägiger Stöhnfilmchen. Selbstgenähter Mundschutz schützt weder vor dieser Infektion noch blockiert er Absonderungen von tumben Verschwörungstheoretikern. Da hilft definitiv nur das Ignorieren und sofortige Löschen, ohne Gummihandschuhe.
 
„Wir bleiben zuhause“, die neue geflügelte Parole unserer Zeit. Da geflügelt allerdings für Freiheit und Grenzenlosigkeit steht, ist das Federwort jetzt eher wie in der Mauser zu interpretieren. Folgerichtig hat sich dieses Diktum, von der Yuppie-Z-Generation neueingedeutscht als social distancing intellektuell salonfähig gemacht, zur Infloskel gemausert. Ich persönlich mag die rauere Variante von Chris Mann: “Stay the fuck at home“.

Und während ich vom Balkon aus in den Nachmittagshimmel schaute, mein Glas, mit einem 21 Jahre gereiften Genussrum angemessen entlüftet, auf die Ruhe am Firmament, die Stille in der Stadt, auf den Straßen und das entschleunigte Leben als solches trank, kamen mir Gedanken in den Sinn von sowohl bis als auch.

Mir fiel auf, abrupt ausgeschlossen von all den beruflichen, gesellschaftlichen und nun zugesperrten Versuchungen des Alltages, dass ich mir vielerlei Gedanken erlaubte, die ohne Shutdown mein Gehirn nicht ungestört oder überhaupt durchlaufen hätten.

Gedanken in der Sowohlhälfte erinnerten mich daran, dass der Tinnitus in unserer schnelllebigen Gesellschaft stark verbreitet und angeblich jeden irgendwann erwischen könnte. Ein Bekannter zum Beispiel leidet an einem so starken Tinnitus, dass sich die Nachbarn bei der Hausverwaltung beschwert haben, wegen Ruhestörung. Schuld an dieser Erkrankung soll der stetig steigende Stress durch die täglichen Anforderungen gewesen sein. Der Druck im Job, der „Geiz-ist-geil-Marathon“ und aldi Schnäppchen die es zu ergattern galt. Dazu kam der Fitness-, Fashion-, und Must Have Wahn und die ständige Informationsflut.

Mit dem Märchen vom stetigen Wachstum aufgewachsen, lebten wir bis zum Shutdown in der Vorstellung, dass die Zeit die Mittel eiligt. Der Weg zum allumfassenden Glück führte über Last Minute und Konsum zum kritiklosen Bürger. Unsere neuen Götter waren der Kaufrausch, die Mobilität und das allgegenwärtige und uneingeschränkte Wachstum. Wir begnügten uns mit Aphorismen, lasen Texte nur noch diagonal oder überließen das Lesen und die Auswertung einer gewisse Alexa. Unsere Losung zum Erfolg hieß: Eile und haste, denn haste was, biste was.
Auf dem Laufband die fettreduzierte 5 Minuten Terrine aus der Tüte geschlürft und dem Sinn des Lebens hinterher. Denn nur in einem schnellen Körper würde ein tiefergelegter schnellerer Geist leben. Bis ins hohe Alter mit Rollator gestütztem Vitasprint, Botox getunter fliehender Stirn und chirugischem Feintuning dem Verfallsdatum immer einen Schritt voraus. Stetig auf der Suche nach der kürzesten Verbindung zwischen Start und Ziel. Und beim Boxenstop mit Mittelchen sowohl die Prostata beruhigen wie auch dem finalen Schluss von der Schippe zu springen. Denn nur die Hast hatte angeblich noch Zukunft.    

Vorbei die Zeit als die Welt zu einem Dorf wurde. Jeder Punkt war erreichbar und individuelle Egotrips selbst bis ans Ende der Welt konnten als Pauschalreisen gebucht werden. Sinnsuche am Gestade von Veligandu Island. Wie herrlich beim gemeinschaftlichen Sonnengruß, auf einem laktosefreien haute cuisine Langustenhappen mit Melancholiegeschmack im Mund rumzukauen und den kritischen Zeitgeist in Pension zu schicken. Wir als Kinder Babylons, die wir damals im Streuverfahren über die Erde verteilt wurden, bleiben jetzt zuhause. Vorbei die Zeit als wir noch in Sodom und Gomera auf jedem Zentimeter Spuren hinterlassen konnten und mit dem Song „Come together“ die entferntesten Gebiete annektierten, soweit die Füße eben trugen in unseren  Sieben-flugmeilenstiefen.

Als auch kreisen Gedanken in meinem Kopf die versuchen, trotz stetiger Informationen der Virologen und Zahlenanalysen, nicht in wirre Unruhe zu verfallen. Mir kommt in den Sinn, dass wir nicht von einem Diktat eines unbekannten Virus, sondern von der ihm nahestehenden Zunft, den Virologen und deren Zahlenerhebungen in den Stall getrieben werden. Hinzukommen noch die Meinungen der omnipräsenten Experten, Soziologen, Philosophen, Ökonomen, Therapeuten und Profilneurotiker. Diese erklären uns, warum es eine Krise gibt, warum gerade wir in der Krise sind und wie wir aus der Krise wieder rauskommen. Ich bemühe mich nicht die Krise zu kriegen und schalte dann ab.
Bei all den Illners, Wills, Plasbergs und Co schwirren zudem Begriffe umher die vor Corona noch maßlos übertriebene linke Randposition waren. Jetzt scheint es als wären es liberale zulässige Denkübungen. Mit offenem Mund hörst man von konservativen Köpfen Worte wie Lockerung der Schuldenbremse, Erhöhung des Mindestlohnes, bedingungsloses Grundeinkommen und Wiedereinführung der Vermögensteuer – Corona katapultiert diese Gedankenansätze ins Zentrum einer globalisierten und großkapitalistischen Markwirtschaft. Wer hätte das gedacht.

Wieder auf dem Balkon muss ich schmunzeln. Corona hat dazu beigetragen, dass ich erstens nach 30 Jahren aus 200 Kilometer Entfernung den Himalaya sehen könnte, wenn ich reisen dürfte und nach Nepal wöllte. Zweitens stellte sich erstmalig ein gewisser Helge Braun im Fernsehen zur besten Sendezeit mit den Worten vor: „Das Schlimmste kommt noch“!
Helge Schneider und Katzenklo kennt jeder aber wer bitte ist Helge Braun und Kanzleramt. War das auch ein Hit? Dieser Helge ist studierter Mediziner und Narkosearzt. In seiner jetzigen politischen Funktion ist der Hesse Chef des Kanzleramtes. Insidern zufolge sei diese Funktion wie geschaffen für einen Anästhesisten, da man die Kunst der Dosierung von Narkosemitteln bei politischen Operationen beherrschen muss. Aufgrund seiner Fähigkeiten avancierte er auf Merkels Geheiß hin, sie war in Quarantäne zu der Zeit, zum Sprecher der politischen Notfallambulanz. Wahrscheinlich auch, da Herr Spahn ohne ersichtlichen Grund das Zepter an Prof. Wieler vom RKI weitergab.
Wie sagte gestern der Präsident der Leopoldina, der nationalen Akademie der Wissenschaften: „Das Leben mit Risiken gehört zum Alltag, auch wenn wir uns das sonst nicht bewusst machen.“ Vielen Dank Herr Prof. Dr. Gerald Haug, Bange machen gilt nicht. Diesmal ein Klimaforscher, der uns sagt, dass das Leben kein Ponyhof sei.
Ich hoffe Helge hat wie anmoderiert einen politischen Plan für das Ende des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwangskomas in der Schublade. Bekanntermaßen ist es keine Kunst jemanden mit rudimentären Mitteln in den Tiefschlaf zu versetzen. Aber den Ausgeknockten wieder aus dem Reich der Bewusstlosigkeit in eine zukünftig hygienisch saubere Gesellschaft mit Mundschutz und Abstand zurückzuholen ist die Kunst.

14. April 2020
Tom Kleinrensing