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Selbstgespräch 2020 / 01

Selbstgespräch 20/01

Selbstgespräch Nr. 20/01
 
Es gibt Tage, von denen ich mich nicht trennen werde. Solche Tage schmecken mir wie ein leicht moussierender Vinho Verde. Auf Madeira im Schatten der heraufziehenden Dämmerung an noch sonnenwarmer Hauswand der Marceria Dom Sancho in Ponta do Sol lehnend. Mein Blick wandert die Gasse zum Meer hinunter, wo Pärchen den Sonnenuntergang umarmen. Es scheint, als ob die Zeit sich sanft vom großen Flammenbaum gegenüber auf dem Kirchenvorplatz im Duft der roten Blüten verfängt, um zu verweilen.

Früher bedauerte ich den Verlust der Zeit, besonders wenn es gefühlt auf einen Schlag drei und mehr Tage erwischt hatte. Ich trauerte damals der Zeit nach, die unwiderruflich an die Vergangenheit verloren gegangen schien. Es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass Zeit real weder am Verweilen noch an Ewigkeit interessiert ist. Zeit stoppt nicht, Zeit zwinkert rüber, sagt ein kurzes „Hallo“ im Vorbeigehen, um im nächsten Moment auf nimmer Wiedersehen über die Klippe zu springen. Zeit ist nicht verschwenderisch, kennt keine Emotion.  

Zeit lässt sich nicht von Geld beeindrucken oder durch plastische Chirurgie täuschen. Zeit wird allzu oft als Wette missverstanden, bei dem jener gewinnt, der am meisten angehäuft hat. Zeit lässt sich nicht anhäufen, nicht hochstapeln wie ein Dönerspieß, von dem man sich feine Streifen abschneiden kann. Der Takt der Zeit ist für alle gleich, nur die Zwischenzeit kann gestaltet werden.  

Was sind schon 24 Stunden im Vergleich zu 24 Augenblicken, sage ich mir. Es läuft mir nicht mehr eiskalt den Rücken runter, da die Zeit auf Nimmerwiedersehen einfach verschwindet. Viel wichtiger sind mir Dinge, die zwischen einem Tick und Tack, dem Kommen und Gehen liegen. Zwischen einem Punkt und einem Komma liegen Geschichten. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer seltener eine Uhr trage. Mit einem Zeitmesser kann ich mir keine Scheibe von einem hausgemachten Ziegenkäse herunterschneiden.   

Ich nehme mir den Augenblick, um in der Zeit zeitlos zu werden. Bewahre mir nicht die Zeit, lass sie ziehen. Bewahre den Geschmack und Geruch und das Lächeln mir. Verzichte auf das Zählen von Sekunden über Minuten zu Stunden und Tagen. Bin nicht deprimiert, da die Zeit verstreicht eher Sammler der Dinge die am Gestade der Zeit stranden. Wenn ich irgendwann sagen kann, dass ich den einen Augenblick nie vergessen werde, habe ich der Zeit kein Schnippchen geschlagen, sondern dank der Zeit Unvergängliches erlebt.

Der Tom
16.01.2020